Staub-Bernasconi: Gedenkveranstaltung zum 1. Todestag von Aamir Ageeb
Prof. Dr. Silvia Staub-Bernasconi, 21.05.2000
GEDENKVERANSTALTUNG
DER STUDENT/INNEN DER KATHOLISCHEN STIFTUNGSFACHHOCHSCHULE MÜNCHEN ZUM ERSTEN
TODESTAG VON AAMIR AGEEB
Prof.
Dr. Silvia Staub-Bernasconi, Technische Universität Berlin
"Jeder Mensch hat in
voller Gleichberechtigung Anspruch auf ein der Billigkeit entsprechendes und
öffentliches Verfahren vor einem unabhängigen und unparteiischen Gericht, das
über seine Rechte und Verpflichtungen oder über irgendeine gegen ihn erhobene
strafrechtliche Beschuldigung zu entscheiden hat."
So der 10. Artikel der UNO-Menschenrechtskonvention.
"Unabhängig" und "unparteiisch"
- ohne Ansehen der Person nach Geschlecht, sozialer Schicht, Hautfarbe, ethnisch-nationaler,
religiöser Herkunft - sollen Gerichte und ihre Vollzugsbeamten sein. Zumindest
ist dies der zentrale Wert, der hinter diesem UNO-Artikel steht. Jeder Richter,
jeder Polizist, jeder Bundesgrenzschutzbeamte wird im Rahmen seiner Ausbildung
davon gehört, darüber gelesen haben. Auch professionelle Journalisten dürften
im Rahmen ihrer Ausbildung etwas über Menschenrechte erfahren haben. Und wenn
dem nicht so ist, so wissen sie wenigstens, dass sie die Funktion haben - hätten
-, die "vierte Gewalt" im Staat zu repräsentieren, d.h. die Verlautbarungen
und Aktivitäten der PolitikerInnen und Staatsorgane auf ihre Verfassungskonformität
und ihre faktische Wahrheit zu überprüfen. Im Genaueren hiesse dies, dass sie
Diskrepanzen zwischen gesetztem Recht, Pressemitteilungen verschiedener Konfliktparteien
und der Realität tatsachen- und mithin wahrheitstreu zu recherchieren, aufzudecken
und darüber zu berichten haben.
Der detaillierte Bericht
im AI-Journal vom Nov. 1999 von Jerry Hodges über die dramatischen Umstände
des Erstickungstodes anlässlich der Ausschaffung von Aamir Ageeb am 28. Mai
1999 zeigt nun aber, dass sich die Bürgerinnen und Bürger weder auf die Verlautbarungen
und Gutachten von Staatsbeamten noch auf Presseberichte gleich welcher Provenienz
verlassen können. Im Nachgang zu einer Konferenz konnte man über die "Rolle
der Medien in Konflikten" lesen, dass man sich zunehmend jener Presseagenturen
und Berichterstatter "bedient, die bereit sind, zensierte Berichte ungeprüft
als wahr zu verbreiten". (FR 15.5.00:13)
Die grosse Empörung der
studentischen Vollversammlung der Katholischen Stiftungsfachhochschule in München
über den "gewaltsamen Tod von Aamir Ageeb", über die Konstruktion stereotyper
Feindbilder, ja des Bildes eines notorischen Kriminellen, ferner über die krasse
Verletzung journalistischer Sorgfaltspflicht ist aufgrund der mir zugänglichen
AI-Berichte zweifellos gerechtfertigt. Und ich teile sie. Sie soll an diesem
Gedenktag uneingeschränkt zum Tragen kommen. Aber ich erlaube mir eine vermutlich
unerwartete bis unangenehme Rückfrage an einen bestimmten theoretischen Trend
in der Sozialen Arbeit. Was legitimiert uns, den anderen Unwahrheiten, Verdrehungen,
die Verbreitung rassistischer Bilder über AsylbewerberInnen - kurz Desinformation
- anzulasten, wenn man seitens von PraktikerInnen wie ProfessorInnen der Sozialen
Arbeit immer häufiger zu lesen und hören bekommt, eine objektive Realität gebe
es nicht. Sie werde erfunden, sozial konstruiert und sei mithin subjektiv und
(kulturell) relativ, eine Frage der Interpretation, so dass man - im Unterschied
zu den 68ern - lernen müsse, Unwahrheiten zuzulassen. Und was soll man davon
halten, dass uns dauernd eingeredet wird, nicht von sozialen Problemen zu sprechen,
sondern von der Autonomie der zu Kunden umdefinierten AdressatInnen? War Aamir
Ageeb ein Kunde des Sozialarbeiters, der ihn betreute und begleitete?
Bei aller Tragik gibt es
einen Grund zur Hoffnung, nämlich dass es in der Sozialen Arbeit noch Gruppierungen
- im besonderen Studierende - gibt, die das Ziel verfolgen, menschliches Leiden
in und an der Gesellschaft aufzugreifen, nach faktischer Wahrheit - im Sinne
der Korrespondenz zwischen Aussagen, Werten und Fakten - zu suchen und laut
zu sagen, was ist. Sie erfüllen dadurch auch eine wichtige gesellschaftliche
Funktion gegenüber BürgerInnen, die Presseberichten zu vertrauensselig Glauben
schenken. Damit stellen sie sich teilweise auch gegen den Zeitgeist, der den
Wahrheitsbegriff subtil oder auf krasse, zynische Weise demontiert, ja zerstört
und so den Unterschied zwischen subjektiven Meinungen und Tatsachen nicht mehr
gelten lässt. Dafür aber stellen sie sich in eine alte wie neue Tradition der
internationalen Sozialen Arbeit, insbesondere der Berufsverbände (International
Federation of Social Workers) sowie der Ausbildungsstätten (International Association
of Schools of Social Work), die in ihrer diesjährigen, gemeinsamen Konferenz
in Montreal/Kanada vom Juli/August dem Thema "Menschenrechte und Soziale Arbeit"
einen grossen Platz eingeräumt haben.
Berlin, 21. Mai 2000 / StB